Kereen Karst - Organisationsentwicklung, Personalentwicklung

Die neue Working Culture: eine historische Zäsur

Aus dem Personal Letter vom Juni 2016:

In den ersten Monaten dieses Jahres habe ich mehrere Team-Konflikt-Workshops begleitet, mit sicherlich unterschiedlichen und vielfältigen Ursachen und differenzierten Lösungen für die Teams. Bei allen konnten wir den Knoten lösen, der zu Missstimmung geführt hat.

Und was interessanterweise alle Teamsituationen gemeinsam hatten, ist, dass die Kollegen nicht (mehr) dauerhaft an einem Ort arbeiten, weil sie nach flexiblen Zeitmodellen arbeiten.

Was passiert, wenn Team-Mitglieder sich im Arbeitsalltag nicht mehr ständig begegnen und sehen – ein Chat oder E-Mail den bewährten kurzen Dienstweg ersetzen und möglicherweise einige Team-Mitglieder ganz im Home-Office arbeiten und nur per Video-oder Telefonkonferenz an Besprechungen teilnehmen? Wie verändert sich das soziale Gefüge des Teams, wie die Arbeitsleistung des Einzelnen, die Motivation und die Identifikation mit der eigenen Arbeit? Was bedeutet das für Führungskräfte, wenn sie die Arbeit ihrer Mitarbeiter buchstäblich aus der Ferne beurteilen sollen und wenig Gelegenheit für persönliche Eindrücke und Feedback haben?

Diese Fragen hat auch der Daimler Konzern in einem großen und bisher einmaligen Experiment seinen Mitarbeitern gestellt. Ein Leuchtturm-Projekt, begleitet vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation und mit Unterstützung der IG Metall. Einige Inhalte dieses Projektes möchte ich Ihnen gern heute vorstellen.

Es steht uns eine historische Zäsur der Arbeitskultur bevor, berichten Arbeitsforscher und seit letztem Sommer baut der Autokonzern daher den Alltag seiner Angestellten um.

Weshalb ist das so?

Generation Y und Z (wie die nach 1980 Geborenen genannt werden), sind mehrheitlich gut ausgebildet und selbstbewusst; sie spüren, wie sich das Kräfteverhältnis am Arbeitsmarkt zu ihren Gunsten dreht; sie können sich zunehmend ihre Jobs am Markt aussuchen und ihre Vorstellungen durchsetzen, welche da sind: vor allem Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, statt teure Firmenwagen oder Hierarchie-Versprechen.

Daher suchen Unternehmen nach Lösungen, um die Zukunft der „Arbeit schöner zu machen“, so Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender von Daimler. Eine neue „Working Culture“ wird gesucht, um die besten Talente am Markt zu gewinnen, denn das bedeutet Sicherheit für die Zukunft.

Natürlich gibt es seit Jahren Teilzeitmodelle und Homeoffice-Lösungen und das Thema ist ja auch nicht gänzlich neu; so boten 2015 schon rund ein Drittel der deutschen Unternehmen Vertrauensarbeitszeit an, sagt das DIW Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.

Neu ist, dass sich Unternehmen die Veränderung der Arbeits-bedingungen als Kulturthema vornehmen und rundherum lang gediente Prozesse auf den Prüfstand stellen: die Hierarchiestruktur, die Besprechungskultur, die Leistungsbewertung. Das Ziel: flexibles Arbeiten für die nächsten Jahre allgemeingültig und gleichberechtigter zu regeln (statt wie oft bisher, Einzelplatzlösungen zu finden).

Wofür lohnt sich die organisatorische Anstrengung?

Mitarbeiter gewinnen ein gutes Gefühl, ein Gefühl der Entspannung, wenn sie freier und selbstbestimmter ihre Arbeit regeln können und ihre Leistung für den Arbeitgeber erbringen, wann und wo es gerade in den eigenen Tag passt.

Daimler hat in einer Onlineumfrage mit 130 Fragen seine Mitarbeiter zu diesem Thema befragt, und 33.400 Personen haben teilgenommen.


Die wichtigsten Wünsche der Arbeitnehmer: 

  • Aufgaben mobil erledigen (sagten rund 80% der Angestellter in der Daimler-Umfrage)
  • flexible Zeiteinteilung von Arbeit und Privatzeit
  • bessere Stimmigkeit von Arbeit und dem persönlichen Biorhythmus
  •  von Zuhause arbeiten (sagten rund 70% der Angestellten in der Daimler-Umfrage)

Die Vorteile der gewünschten Arbeitsflexibilität liegen auf der Hand – und alle Selbständigen oder Freiberuflicher wie ich werden nickend zustimmen –

  • Zeit, Kosten und u.U. Nerven für die Fahrt zur Arbeit verringern sich
  • die Konzentration gelingt vielen Menschen in der Abgeschiedenheit besser (als in den immer mehr werdenden Großraumbüros)
  • weniger Konferenzen+ weniger Konflikte zwischen Beruf und Familie
  • ein erlebtes Gefühl von mehr Freiheit und Selbstbestimmtheit

Natürlich gibt es wie immer und bei allem auch Nachteile bzw. Gefahren:

  • höheres Selbstmanagement: lernen abzuschalten und Grenzen zu ziehen zwischen Privatem und der Arbeit, sonst endet die Freiheit in Selbstausbeutung. Das fällt vielen schwer.
  • Gesundheitliche Fragen: selten haben wir im Home-Office oder beim Arbeiten am Laptop im Café Arbeitsplatzbedingungen, für die Gewerkschaften und Arbeitsmediziner jahrzehntelang gekämpft haben, z.B. optimale Tisch-, Sitz und Lichtverhältnisse.
  • Gleichberechtigung: nicht jede Tätigkeit eignet sich für flexibles Arbeiten, so z.B. bei Daimler für die Mitarbeiter an den Montagebändern
  • Soziale Fragen: Teamgefühl und kollegiale Nähe leiden, mit der Folge von einer steigenden Zahl an Missverständnissen im täglichen Miteinander
  • Ergebnisdruck: vermutlich fallen Schonzeiten für Arbeitnehmer weg; neue umfassende Leistungskontrollen entstehen, denn es bedarf einer Garantie für Leistung und Ergebnis.

Was den unternehmerischen Wunsch nach allgemeingültigen Regelungen angeht, zeigen erste Erfahrungen bei Daimler zunächst einmal Gutes: Anders als viele Vorgesetzte befürchtet haben, arbeiten Heimarbeiter eher mehr (wie auch eine Studie des DIW zeigt): aus Dankbarkeit und um zu beweisen, dass sie tatsächlich etwas geleistet haben. Allerdings gibt es Dilemmata der Arbeitskultur, die ungeklärt sind: Bisher fordern die Gewerkschaften ein Recht auf Unerreichbarkeit, es gibt geltende Kernarbeitszeiten laut Betriebsvereinbarungen, Sonn- und Feiertagsarbeit ist zuschlagspflichtig und muss genehmigt werden, ein Arbeitsplatz im Café entspricht nicht den geltenden Arbeitsstättenverordnungen und das Arbeitsrecht verlangt Ruhezeiten von mindestens elf Stunden. Hierzu müssen neue Regelungen gefunden und erprobt werden – eine große Aufgabe, auch für einen in Umstrukturierungen erfahrenen Großkonzern wie Daimler.

Meine Praxiserfahrungen:

Was meine Sicht auf dieses Thema betrifft, widme ich mich den Kommunikations- und Führungsthemen in Teams. Dabei habe ich den Eindruck aus der aktuellen Begleitung von fünf Teams in drei Unternehmen, dass das Risiko von Missverständnissen und Konflikten in den Teams steigt, je weniger die Kollegen regelmäßig im Kontakt sind –und zwar kollegial-fachlich, team-kollegial und menschlich-persönlich.

Wenn Teambesprechungen mehr und mehr entfallen oder nur noch via Telefon oder Videokonferenz kurz und knapp abgehalten werden, entstehen vermehrt Störungen im Blick aufeinander.

Der Führung entgleitet die Basis für regelmäßiges Feedback, Lob und kurze Gespräche im Alltag. Die Menge der Emailkommunikation erhöht sich noch mehr und dient nicht der besseren Arbeitsleistung.
In der Führung entstehen neue Fragen, zum Beispiel wie sie die Arbeitsleistung messen kann. Und auch die Kollegen untereinander fangen an sich zu beäugen und fragen sich, wer im Team welche Leistung erbringt, ob Arbeitspakete fair verteilt sind und ob der Chef die eigene Leistung überhaupt noch mitbekommt.

Die neue Arbeitskultur braucht daher neue Führungslösungen, wenn Mitarbeiter nicht mehr jeden Tag acht Stunden im Büro sitzen. Gespräche mit Mitarbeitern brauchen eine häufigere Regelmäßigkeit; das jährliche Leistungsgespräch reicht nicht mehr; die Folge: der Führungsaufwand verändert und erhöht sich. Es bedarf vermutlich auch neuer Belohnungs- und Motivations-möglichkeiten, wenn z.B. tägliche persönliche Gespräche entfallen. Daimler denkt über neue Kontrollparameter nach und über individuelle Zielvereinbarungen.

Ich bin gespannt, was sich Neues entwickeln wird und wie sich unternehmensintern neue kulturelle Kommunikations- und Führungslösungen finden.

Klar ist, dass Teamworkshops in diesen neuen Arbeitsformen öfter nötig und wichtiger werden, um den gemeinsamen Sinn, klare Ziele und fachliche wie menschliche Abstimmung in Teams aufrecht zu erhalten.

Da dies eines meiner Lieblingsarbeitsthemen ist, freue ich mich auch darauf!

Ihre Kereen Karst

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